Haftung bei Ferienmaßnahmen

Urteil des OLG nach Messerunfall bei BJR-Freizeitmaßnahme

Mädchen rammt sich auf Ferien-Freizeit Messer ins Auge –

 

Sind die Betreuer schuld?    (erschienen 27.juli 2019, Angela Walser,  Merkur)

Der Bayerische Jugendring muss für die Folgen einer schweren Augenverletzung bei einer neunjährigen Schülerin aufkommen. Das hat gestern das Oberlandesgericht entschieden.

Ingolstadt – Vom Körper wegschneiden, beim Auf- und Zuklappen aufpassen: Diese Vorschriftsmaßnahmen hatte Merle (Name geändert) von ihren Betreuern gesagt bekommen. Doch die Schülerin hatte noch nie einen Baum entrindet, wusste nicht, das sie mit dem Messer die Rinde nur lockern und allenfalls bei ganz festen Stücken das Messer einsetzen sollte. Merle schnitt von oben nach unten. Als sich ein Stück absolut nicht löste, half sie mit einem Schnitt von unten nach oben nach. Das Messer rutschte ab und landete in ihrem Auge – mit massiven Folgen.

Merle erlitt eine perforierende Hornhaut-Iris-Linsenverletzung, die mehrfach operiert werden musste.                            Das rechte Auge ist seit dem Unfall dauerhaft beschädigt.

Bayern/Ingolstadt: Mädchen rammt sich Messer ins Auge – Sind die Betreuer schuld?

Vor Gericht erklärte die heute 14-jährige Schülerin, dass sie Probleme bei Sonnenschein und längerem Schauen auf die Schul-Tafel habe. Die sehr vernünftig wirkende Jugendliche konnte sich noch genau an den Vorfall während einer Faschings-Ferien-Freizeit 2014 erinnern. Demnach hatten ihr die Betreuer nicht genau erklärt, wie sie die Rinde abtrennen sollte. Doch sie hatte den Auftrag bekommen, Rinde für das Lagerfeuer zu sammeln, das im „Winterwald“ am Baggersee angezündet werden sollte.

Der Betreuer erinnerte sich vor Gericht, dass nicht für alle Kinder ausreichend Messer vorhanden gewesen waren und Merle eigens ausgesucht worden war, weil sie keinen draufgängerischen und risikofreudigen Eindruck hinterlassen hatte. Doch vermutlich hätte dem Mädchen der Hinweis mehr geholfen, dass sie die lockere Rinde auch mit den Händen vom Baum klauben kann. Und vermutlich hätte die Mutter das Mädchen auch gar nicht angemeldet, wenn sie gewusst hätte, dass mit Messern hantiert werden würde.

Der Bayerische Jugendring bedauerte den Vorfall, gibt aber dem Kind die Schuld

Aus Sicht der Betreuer hatte sich das Kind offenbar nicht an die Anweisungen gehalten. Ihrer Ansicht nach sei der Betreuerschlüssel mit einem Erwachsenen auf fünf Kinder ausreichend erfüllt gewesen. In erster Instanz hatte ihnen das Landgericht Ingolstadt auch Recht gegeben. Doch in der zweiten Instanz hatte das OLG kritisiert, dass der Kleinen nicht genau gezeigt worden wäre, wie Rinde abgeschält wird. An einem Baum hätte sie mit dem Hinweis, vom Körper wegschnitzen, wenig anfangen können.

Der Bayerische Jugendring bedauerte den Vorfall, kritisierte aber auch das Urteil. „Jeder Unfall ist einer zu viel. Kinder sollen auf Freizeiten Spaß haben und eigenständiges Handeln erleben“, hieß es in einer ersten Stellungnahme. Solche Entscheidungen über unzureichende Kontrollen und Sicherheitsmaßnahmen würden aber auch die Betreuer verunsichern. Für den Jugendring könnte das Urteil bedeuten, dass er künftig vielleicht schwerer Mitarbeiter für Freizeiten findet. Die Betreuer sind jedoch durch den BJR versichert.